Fremdsein in Deutschland
Von Elisabeth Wehrmann | © DIE ZEIT, 27/1995
Anfang Juni, an einem ganz gewöhnlichen Freitagabend, wird zum ersten Mal in der Geschichte des Kinos in Bramsche bei Osnabrück eine Filmpremiere gefeiert. Nein, es gibt keinen roten Teppich, aber Champagner für die Gäste, und die Stars strahlen und freuen sich so, daß sie es geschafft haben, alle zusammen: “und so viel gelernt”. Und Uwe Zerbst vom Berliner Kabarett “Distel” hat Schauspiel unterrichtet (ohne Honorar), und Lew Kopelew hatte Zeit für sie, und Thomas, der Cutter, hat nie über Überstunden geklagt.
Der Film “Fremdsein in Deutschland” ist laut Ulrich Gregor vom Internationalen Forum des jungen Films “ein Novum in der deutschen Filmszene”. Gemacht haben ihn fünfundzwanzig Schülerinnen und Schüler und ein Lehrer aus Bad Iburg. “Ganz normale Schüler” - darauf legen sie Wert - aus einer ganz normalen Schule mit dem bekannten langweiligen Schulalltag, wo die Punktejagd zum Abitur eher die Konkurrenz untereinander als das Lernen miteinander fördert. “Und außerdem”, sagt Christiane, “leben wir in einer etwas abgeschiedenen Stadt, wo sich jeder seine kleine Welt zusammenbastelt, und die besteht aus Fernseher, Video und vielleicht noch Musik, und hast keine Ahnung von Politik und auch kein Selbstvertrauen, wozu denn und woher denn.”
Der Lehrer unterrichtet Mathematik und Erdkunde. Oberstudienrat Helmut Spiering findet allerdings, daß seine Schüler mehr brauchen als Ellbogen, Abitur und das Geld ihrer Eltern. “Die Jugendlichen brauchen Wärme, Zeit, Dialog und den Boden für Kreativität”, sagt Spiering, “und die schenkt ihnen keiner.” Darum macht er Projekte, organisiert Reisen, Seminare, Lernerlebnisse, sucht nach notwendigen Geldquellen und knackt mit Vorliebe die starren Strukturen von Bildungs- und anderen Bürokratien.
Als er 1993 mit seinen Schülern, russischen Studenten und ehemaligen Sowjetsoldaten Völkerverständigung übte, merkten alle Beteiligten ziemlich schnell, was es bedeutet, wenn Menschen einander fremd sind in Deutschland. “Die Mauer war ja schon gefallen, aber wir hatten massenweise Vorurteile im Kopf”, erzählen die Schüler, “und dann, als wir einmal durch die Kulissen von Babelsberg gingen, fragte Herr Spiering, ob wir nicht Lust hätten, einen Film zu machen. ,Schreibt mal eure Eindrücke auf, vielleicht kommt ja was dabei raus`, sagte er. Und das haben wir getan, und erst zufällig, aber dann immer deutlicher merkten wir, ,Fremdsein` ist unser Thema.”
Zwei Jahre lang waren Schüler und Lehrer in den Ferien und in jeder freien Minute auf “Zeitreisen” unterwegs in deutscher Geschichte und Gegenwart, haben Menschen gesucht, die ihnen erzählen und vermitteln, was nicht im Lehrplan steht, haben nachgedacht und Fragen gestellt. Sie haben recherchiert, Texte und Drehbuch geschrieben, Songs gedichtet, haben sich Szenen ausgedacht, damit sie sich “reinfühlen” können, Rollen gespielt, um andere in anderen Zeiten und sich selbst und ihre Zeit heute zu verstehen. “Und das geht eben nicht nur mit dem Kopf und ist auch nicht im 45-Minuten-Takt abzuhandeln.”
Interview Berlin 1994: ein Ausflugsdampfer auf der Spree; blauer Himmel, Sonnenschein, im Hintergrund der Reichstag, im Vordergrund die Iburger Schüler und in ihrer Mitte ein großer alter Herr mit Sonnenbrille. Wolfgang Stresemann, neunzig, erzählt, wie sein Vater, Gustav Stresemann, sich als Außenminister und Reichskanzler um Entspannung und Verständigung bemühte und wie wenig golden sie waren, die zwanziger Jahre zwischen Hitlerputsch und Weltwirtschaftskrise, welch dumme Intrigen zwischen Franz von Papen und Oskar von Hindenburg 1933 Hitler zur Macht verhalfen und wie er flüchten mußte und was Exil bedeutete . . .
TEIL 2
Spielszene Berlin 1934: Da sitzt in einem großbürgerlichen Wohnzimmer der siebzehnjährige Sebastian aus Iburg und spielt einen jüdischen Schüler, der alles über den Unterschied zwischen arischen und jüdischen Ohren lernen soll und nicht begreifen kann, daß er jetzt der andere, der Verachtete, der Fremde sein wird. Und Sebastian erzählt, wie er sich fürchtete, diese Rolle zu spielen, wie kann er das, als Deutscher, hat er sich gefragt, wie kann er das unfaßbare Leid nachfühlen, und dann hat er Gad Beck gefragt.
Gespräch in der Toleranzstraße, Berlin 1994: Da steht Gad Beck, zweiundsiebzig, mit den Schülern unter der Büste von Moses Mendelssohn, erklärt Aufklärung und Humanismus und Bürgerrecht und Menschenwürde und erzählt, wie das war, als 1933 in Berlin die Bücher brannten und dann die Synagogen, und wer ihm geholfen hat unterzutauchen und was passierte, als sein bester Freund abgeholt wurde.
Für die Spielszene in den Trümmern von Berlin 1945 hat Amalie die Geschichte von ihrer Oma bearbeitet. Die kam aus Dresden, aus der Bombennacht, und hatte nichts mehr, nur den Wintermantel und den alten Fuchspelz, war über Leichen gegangen und suchte Menschen . . .
Gespräche mit systemtreuen Politikern und Dissidenten aus der Zeit der DDR machten Christiane nachdenklich, also hat sie mit Clemens zusammen eine Szene geschrieben und gespielt und sich gewundert, welche Ohnmacht, welche Wut sie fühlte in der Rolle einer Frau, die raus wollte und vor lauter Mauern stand.
Aus dem wiedervereinigten Deutschland: Gespielt werden die Schüler, die Asylbewerbern helfen, und Neonazis auf Asylantenjagd. Gespürt haben die Iburger Akteure, wie einfach es ist, dem Rausch der Gewalt nachzugeben, wenn man eine Uniform trägt, einen Baseballschläger hat und schreit. Und wie schwer es ist, aufzustehen und zu handeln mit nichts als Worten. Fremd sind viele in Deutschland heute, finden die Iburger Schüler. Das muß nicht so bleiben. Fertige Antworten haben sie nicht, aber sie haben gelernt, Fragen zu stellen, und wollen Denkanstöße weitergeben. Daher der Film - für all die anderen ganz normalen Schüler in Deutschland.
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