Klagen hilft nicht

Aus der ZEIT

Von Elisabeth Wehrmann | © DIE ZEIT, 42/1997

Filme gegen Feindbilder: Der Oberstudienrat Helmut Spiering gibt dem Bundestag Nachhilfe
Soll ihm mal einer kommen mit Sätzen, die mit “Kann nicht”, “Geht nicht”, “Leider” und “Ja, aber” beginnen! Wenn Steffi oder Anna in Mathe durchhängen, weil sie Sorgen haben, gibt er Nachhilfestunden, intensiv, erfolgreich und umsonst.

Als die Nation noch vor den Fernsehgeräten saß und zusah, wie Häuser brannten und Menschen verfolgt wurden, arbeitete Helmut Spiering schon an einem Projekt, das genau die Fragen stellte, die damals in Rostock oder Hoyerswerda gar nicht oder zu spät gestellt wurden. “Fremd sein in Deutschland” hieß der erste Film, den der Iburger Oberstudienrat mit 25 Schülerinnen und Schülern drehte. Wie es dazu kam, ist eine lange Geschichte, die wohl begann, als Spiering sich auf der Klassenreise nach Berlin über das übliche Pflichtprogramm ärgerte und Alternativen erprobte. Lebendige Geschichte zum Beispiel. Gespräche mit Zeitzeugen über die Vergangenheit, Nachdenken über die Konflikte der Gegenwart. “So langsam merkten wir”, sagt Christiane, die damals sechzehn war, “Fremdsein ist unser Thema.” Die Schüler fragten Wolfgang Stresemann, wie er als Sohn von Gustav Stresemann das Ende der Weimarer Republik erlebte, wie das war, als er flüchten mußte, was Exil bedeutete. Der 73jährige Berliner Gad Beck stand in der Toleranzstraße unter der Büste von Moses Mendelssohn und erzählte, wie er als Schüler in Hitlers Reichshauptstadt untertauchen mußte Amalies Oma hatte die Bombennacht von Dresden überlebt. Die Iburger dokumentierten die Gespräche, sie schrieben und spielten Szenen aus den bürgerlichen Wohnzimmern der dreißiger Jahre und von den Asylantenwohnheimen der Gegenwart. “Ein Novum in der deutschen Filmszene”, urteilte Ulrich Gregor vom Internationalen Forum des deutschen Films. Es gab Preise, Auszeichnungen, Reisen und Diskussionen mit anderen Schülern, in Deutschland und Frankreich, in Israel, in den Niederlanden. Das war voller Einsatz in den Ferien und in der Freizeit. Und es war ein Kampf gegen Geldmangel, festgefahrene Gedanken, eingerostete Strukturen. Und Bürokraten. Solche, die so seltsam überlegen lächeln, wenn ein Lehrer aus der Provinz auf die Idee kommt, mit seinen Schülerinnen und Schülern die Verhältnisse oder gar die Menschen ändern zu wollen. “Klagen hilft nicht, aufgeben zählt nicht, man muß doch etwas tun, oder finden Sie nicht?” sagt Helmut Spiering, greift zum Telephon und versucht, mit den Herren von der russischen Botschaft die musikalische Begleitung für seine nächste Nachhilfestunde zu organisieren. Das Thema heißt Völkerverständigung, die Unterrichtsform ist offen, öffentlich und so selten gut und sinnig demokratisch wie (verlautet aus Schülerkreisen) das Sahnehäubchen auf der Tomatensuppe. Wann hat es das jemals gegeben, wie ist es möglich, daß Abgeordnete, aus- und inländische Diplomaten und Persönlichkeiten der deutschen Wirtschaft im Wasserwerk zu Bonn freiwillig nachsitzen? Ganz einfach, sagt Sebastian, der als Spiering-Schüler lernte, wie man gute Ideen umsetzt.”Ich studiere jetzt Jura, machte ein Praktikum bei Herrn Schorlemmer im Parlament, erzählte von den Projekten, und da lief zufällig Rita Süssmuth über den Flur. Wir haben sie direkt gefragt, ob wir den zweiten Fi lm hier vorstellen dürfen.” “Das ist eine Uraufführung”, sagt Helmut Spiering bescheiden.” ,Do Swidanija Deutschland’ im Deutschen Bundestag.” Der Film entstand aus den Projekten der Deutschen mit russischen Studenten und Soldaten nach dem Fall der Mauer. Gedreht wurde in Berlin, in der Kaserne von Karlshorst, in Bad Iburg und in Moskau. “Es geht um Begegnung und Abschied am Ende des Kalten Krieges. Inhaltlich ist das eine Brücke von den Schlachtfeldern der Vergangenheit zu den Schwierigkeiten und den Möglichkeiten des Friedens von heute.” Kurze Pause nach diesem langen wichtigen Satz, dann weiter im Eiltempo, weil noch so viel zu tun ist: “Ich will nämlich Brückenbauer sein, müssen Sie wissen. Lehrer bin ich natürlich auch, Geographie und Mathematik, ein Deputat von 24 Stunden pro Woche, aber die anderen 60 Stunden, meine freie Zeit sozusagen, sind voll mit echter Maloche, bis der Bogen stimmt, von der einen Basis zur anderen.” Am 30.September, im Wasserwerk von Bonn, stimmt der Bogen: Rita Süssmuth ist tief bewegt und begeistert über die “Volksdiplomatie” Anke Brunn, Wissenschaftsministerin von Nordrhein-Westfalen, nennt die Iburger Initiative vorbildlich. Beim Empfang stehen Schüler, Studenten und junge Diplomaten zusammen und tauschen wie alte Hasen Erinnerungen aus. Wer sich auf Spierings Brücken wagt, landet in einem Lehrstück für Menschlichkeit, das auf keinem Lehrplan steht. Noch nicht. Sieht Spielszenen, die nicht gespielt sind: deutsche Schulkinder in Jeans und T-Shirts und etwas ältere russische Kinder in Uniformen, die aufeinander zugehen, die versuchen, in der russischen Botschaft über Wehrdienstverweigerung zu reden, die zusammen ausflippen im Stadion von Hertha BSC, die im Mauermuseum stehen und zuletzt auf dem Paradeplatz der ehemaligen Sowjetarmee die antrainierten Stechschritte mit Lust und Andacht zum Slapstick parodieren. Und mittendrin, rotblond und ohne Scheitel, dieser Bauernsohn aus dem Münsterland, der “Altachtundsechziger mit den urchristlichen Idealen”, ein Mann mit blauen Augen und einem langen Atem, der einfach nicht aufhören will, für seine Visionen zu kämpfen. “Menschliches Zusammenleben ist nur möglich, wenn die, die mehr Kräfte und Mittel haben, bereit sind, mit denen zu teilen, die weniger haben”, erklärt er. Und wenn das simpel und pastoral klinge, sei ihm das recht. Ihn inspirieren die einfachen Sätze der Bergpredigt, vor allem wenn er an den Mangel und die Beschränkungen unserer grundsätzlich so reichen Gesellschaft denkt. Im Unterricht, sagt Spiering, geht es um Fachwissen, das gespeichert und reproduziert werden soll, Input und Output: “Als Fachlehrer gehe ich von der einen in die nächste Stunde und kann nur ahnen, was die Schüler an Problemen mit sich herumtragen. Oft sind beide Eltern berufstätig andere sind geschieden oder alleinerziehend. Alle sagen: ,Unser Kind soll es einmal besser haben.’ Aber für Gespräche in der Familie bleibt genauso wenig Zeit wie für die Gespräche in der Schule.” Schlußfolgerung: “Da muß ein ganz anderes Konzept her! Wir verharren in dieser Gesellschaft, deren Zustände wir beschreiben, beklagen und bejammern, haben aber nicht den Mut, nach radikalen Antworten zu suchen.” Den Drehpunkt, von dem aus die “Systemveränderung” beginnen könnte, sieht er in der Projektarbeit nach dem Iburger Modell heißt das: “Probleme, die unsere Gesellschaft betreffen, aufgreifen, mit den Jugendlichen bearbeiten und darstellen. Film ist ein Medium, das alle erreicht.” Kompetente Helfer hat Spiering unter Regisseuren, Kameramännern, Schauspielern und Autoren gewonnen.” Aber Sponsoren finden für diese Jugendarbeit ist so lustig wie Steineklopfen.” Wie er das macht? Mündlich, ausdauernd und unbequem. Über alle Hürden von Behörden setzen (”Das lassen unsere Paragraphen nicht zu”) ohne einen krummen Rücken vor der “höheren Tierwelt” in den Institutionen. Ehrlich von Mensch zu Mensch. Wenn ein Mann von Daimler probiert, ihn abzuwimmeln, sagt er: “Jetzt will ich Sie mal bei Ihrer Ehre packen. Sie klagen laut, die Jugend sei nicht belastbar, nicht kreativ und unkonzentriert. Sie hätten sie gern anders in Ihrem Konzern. Aber dann müssen Sie was tun, hier unten, bei uns an der Basis. “Es reicht nicht, findet er, daß die deutsche Industrie in die Oberschenkel deutscher Sportler investiert.” Wir müssen die Milliarden, die in das Sportsponsoring laufen, umlenken in die kreative Jugendarbeit”, sagt er. Und: “Ich fordere die Förderung von Kopf und Seele.” Um die Mittel für den ersten Film zusammenzureden, hat er in drei Jahren 26 000 Mark vertelephoniert. Aus eigener Tasche. “Ich hab’ noch keinen so Verrückten gesehen”, erklärt Frau Spiering. “Ich könnte auch wie viele andere am Wochenende nach Paris fliegen”, sagt der Lehrer aus Iburg. “Meine Frau wär’ zufrieden. Ich käme erholt in die Schule und könnte da so ‘n bißchen Jet-set verbreiten. Aber das wäre doch eine kleine Welt, finden Sie nicht?”

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