Unsere Wurzeln

Courage zeigen - Fremdsein überwinden

… eine außergewöhnliche Initiative

Es gibt ihn noch immer, den Hass in den Augen des einen gegen den anderen, es gibt ihn noch immer, den Menschen, der den anderen verachtet, nur weil er anders aussieht oder sich anders verhält. Es gibt noch immer den Hass auf das Fremde, der Menschen zu Unmenschen werden lässt, es gibt noch immer das Gefühl des Fremdseins, das Menschen resignieren lässt.

Bad Iburg

Wir, eine Gruppe junger Menschen aus Bad Iburg und Umgebung, aus Münster, Brandenburg und Berlin um unseren Projektleiter Helmut Spiering, wollen nicht resignieren – weil wir Ideen und Ideale haben, weil wir als Jugendliche die Verantwortung für die Zukunft tragen, weil gerade unsere deutsche Geschichte ein so grauenvolles Beispiel dafür bietet, wohin Fremdenhass und Feindschaft führen. Vielleicht gerade vor diesem Hintergrund wollten wir zunächst uns selbst, dann allen anderen erklären, was Fremdsein für den Menschen bedeutet, welche Folgen es hatte und hat – und wie man es überwinden kann.
Angefangen hat alles in Berlin.  Wo, wenn nicht hier, konnten wir sehen, wohin es führt, wenn Menschen untereinander Mauern errichten.  Wir, Schüler und Lehrer des Gymnasiums Bad Iburg, haben damals versucht, unsere schmerzhaften Erfahrungen mit der geteilten Stadt zu verarbeiten.
Insbesondere eine Ausstellung mit dem Titel „Unter den Dächern von Berlin“ (1985 zuerst gezeigt in Berlin und in einem bemerkenswert gestalteten Katalog dokumentiert) spiegelt diesen Ansatz, das in Vergangenheit und Gegenwart traumatisch Erfahrene auch künstlerisch zur Darstellung zu bringen. Fragen sind geblieben; vor allem die eine hat uns nicht mehr losgelassen: Gibt es Wege, Menschen-Trennendes zu überwinden?
Wir begaben uns auf eine noch immer andauernde Suche nach Antworten. 1994, als Asylantenheime brannten, fragten wir vor unserer Haustür nach – und merkten: Nicht nur „die Fremden“ fühlen sich fremd – auch Deutsche, hier in ihrem eigenen Land. Wir drehten unseren ersten Kinofilm darüber: „Fremdsein in Deutschland“. Schon bei den Recherchen zum Film trafen wir russische Soldaten in Berlin und merkten: Auch sie, im fremden Land stationiert, fühlen sich fremd. 1996 dokumentierten wir ihren Abschied aus der Fremde mit dem Film „Do Swidanija Deutschland“ – „auf Wiedersehen, Deutschland“. Dabei kam in uns die Frage auf, wo denn bei all der Fremde überhaupt so etwas wie Heimat sei. Wir waren mittlerweile Jugendliche aus vielen, völlig verschiedenen Ländern – und merkten: Wir können unser eigenes Fremdsein überwinden. Wir sammelten unsere Geschichten und schrieben 1997 unter professioneller Leitung des Potsdamer Regisseurs Thomas Frick drei Drehbücher zum Thema “Heimat“. Für diese Arbeiten gewannen wir schließlich den mit 30.000 DM dotierten 1. Drehbuchpreis des Ostdeutschen Rundfunks Brandenburg. Das hat uns ermutigt, aber noch immer nicht zufrieden gestellt. Wir hatten zwar viel über unser eigenes Land gelernt, doch dabei vor allem eins erfahren: Ob in der Fremde, ob in der Heimat - wir denken noch immer in Grenzen. Also wollten wir weiter suchen: Diesmal jenseits der Grenzen – in ganz Europa. Im Herbst 1998 brachen wir auf zur Suche nach dem „Spirit of Europe“. Und merkten: Es gibt noch so viele Grenzen zu überwinden – doch lassen sie sich auch überwinden? In all diesen Arbeiten zeigen wir – in vielfältiger Mischung aus Interviews und  Bildern der Zeitgeschichte, in Symbolen und Gesichtern, die geprägt von ihrer Geschichte sind – vor allem eins: das unkomplizierte Zusammentreffen von Menschen unterschiedlichster Prägung ¬ - wie auch immer sie Fremde und Heimat betrachten, wie freundschaftlich oder abschreckend sie auch sein mögen oder früher einmal gewesen sind.

Iburg
Wir sind mit unseren Projekten über Land gegangen: In Metropolen wie Berlin, Paris, Florenz, Rom, Madrid, Moskau, Jerusalem, Tel Aviv, Brüssel, Rotterdam zu Menschen wie Michail Gorbatschow, Roman Herzog, Ezer Weizmann, Papst Johannes Paul II. und Bundeskanzler Gerhard Schröder, zu jungen Menschen in Deutschland, zu jungen Menschen in Europa. Auf jedem Halt dieser Reise trugen wir unser Anliegen vor und hinterließen damit unsere Spuren. Wir waren dankbar über jeden, der uns verstand – wie beispielsweise André Studer, stellvertretender Schulleiter des Lycée Franco-Allemand de Buc in Versailles, der sagte: „Eure Filme sind keine Fiktion, sondern ein Labor der Zivilgesellschaft. Es geht nicht um abgespielte Geschehnisse, sondern um die Auseinandersetzung mit Feindbildern. Es geht nicht darum, wie gehandelt wurde, sondern wie gehandelt werden sollte.“
Studer hat Recht: Genau das ist unser Ziel! Indem wir vor Ort nach Zeugnissen deutscher und europäischer Geschichte suchten, mit kleinen und großen, jungen und alten Europäern sprachen, kamen wir zu dem Schluss: Es gibt das „Fremdsein“ nicht nur in Deutschland; es gibt und gab dieses „Fremdsein“ auch anderswo. Doch merkten wir auf unserer Suche auch: Man kann dieses „Fremdsein“ mit Courage überwinden.
Dazu wollen wir einen Beitrag leisten.
Im August 2002 wurde die Initiative mit dem Sonderpreis des Bundesinnenministers für Völkerverständigung und Toleranz ausgezeichnet. Weltweit diskutierten die Mitglieder mit über 50.000 Menschen über die Filme; mehrere Millionen sahen zumindest einen der Streifen.