Unter den Dächern von Berlin
Die von den Schülern des Gymnasiums Bad Iburg gestaltete Ausstellung
„Unter den Dächern von Berlin“ ist ein Zeugnis lebendiger Verbundenheit mit Berlin.
In dieser aus eigener Initiative erwachsenen Ausstellung sehe ich einen eindrucksvollen Beweis für die vielen Möglichkeiten, die uns allen gegeben sind, um in Solidarität die menschlichen Verbindungen nicht nur mit Berlin, sondern auch über die innerdeutsche Grenze hinweg mit unseren Landsleuten in der DDR zu pflegen und so der Einheit der Nation zu dienen. In diesem Sinne haben die Schüler einen beispielhaften Beitrag geleistet.
Dr. Dorothee Wilms, Bundesminister für innerdeutsche Beziehungen, 1987
Die Schüler haben sich Berlin erarbeitet. Sie nahmen Historisches und Aktuelles in den Blick, den West- wie den Ostteil unserer Stadt. Sie haben genau zugeschaut und mit Interesse und großem Können das Geschehene anschaulich umgesetzt.
Anerkennung und Lob daher nicht nur für die ausgezeichneten Arbeiten, sondern auch für das gelungene Miteinander an Ihrer Schule!
Dr. Hanna-Renate Laurien, Bürgermeisterin, Senatorin, 1987
„Unter den Dächern von Berlin“ – so lautete ein Arbeitsthema für den Kunstunterricht des Gymnasiums Bad Iburg im Sommerhalbjahr 1985. Zugegeben: Auf den ersten Blick ein etwas irreführendes Thema, wenn man als Ergebnis die Bilder dieses Kataloges betrachtet. Denn sie zeigen weder Dachstubenromantik noch soziale Milieudarstellungen, wie nach dem Titel zunächst erwartet wird.
Worum ging es also?
Politiker beklagen bei sich bietenden Anlässen immer wieder, dass die jüngere Generation die Teilung Deutschlands und Berlins gar nicht mehr in Frage stellt, sondern als selbstverständlich hinnimmt. In diesem Zusammenhang wird – wie so oft in anderen Bereichen – der Schule vorgeworfen, sie habe versagt. Die Schüler des Gymnasiums Bad Iburg haben dank der Partnerschaft, die Stadt Bad Iburg mit Berlin – Charlottenburg unterhält, und dank der engagierten Bemühungen einiger Lehrer eine engere Beziehung zu Berlin entwickelt, als sie in der Regel durch die üblichen Berlinfahrten mit „Pflichtprogramm“ zustande kommt. Diese engere Beziehung äußert sich vor allem in zahlreichen Schülerfreundschaften, die sich aus den gegenseitigen Besuchen ergeben haben. Was lag also näher, als alle Schüler des Gymnasiums Bad Iburg einmal ihre „Ansicht“ von Berlin äußern zu lassen, sie aufzufordern, im Bild darzustellen, „wie man in Berlin lebt“ (womit auf den zweiten Blick auch das Thema gerechtfertigt sein dürfte).
Das Ergebnis dieses künstlerischen und pädagogischen Bemühens wurde im Herbst 1985 im Charlottenburger Rathaus und 1986 im Bad Iburger Kurhaus öffentlich vorgestellt. Die weitere Anerkennung, die die beiden Ausstellungen gefunden haben, ermutigt uns, die besten Bilder hier zu präsentieren. Dabei ist für den Betrachter wichtig zu wissen, dass Berlin einigen Schülern bereits aus eigener Anschauung, einigen aber nur aus dem Unterricht oder den Medien bekannt war.
Karsten Witte
21 Jahre
„Wenn der Alte Fritz das sähe“
Das Bild stellt Vergangenheit und Gegenwart Berlins einander gegenüber. Der „Alte Fritz“ steht lässig an eine Wand gelehnt und hält dem Flötenspiel inne, um erstaunt auf John F. Kennedy zu schauen, der vor dem Fenster gerade der Menschenmenge verkündet, dass er ein Berliner sei.
Die Szene irritiert, lässt im Betrachter eine Vielzahl von Fragen anklingen. Was hat Kennedy mit dem König von Preußen zu tun? Können die Ereignisse um das heutige Berlin dem prüfenden Blick des Alten standhalten?
Die Geschichte setzt Maßstäbe. Sie sind im Bild in weichen Deckfarben gemalt. Der Soldatenrock des Königs erinnert an militärische Größe, aber auch an den aufgeklärten Monarchen, der seinem Land Fortschritte in Recht und Wirtschaft brachte, der die Kunst liebte und selbst ein begabter Musiker war. Der privaten, fast anheimelnden Atmosphäre des Innenraums, der Geschichte, steht die harte, fotografisch dokumentierbare Realität heute gegenüber: der Amerikaner in Berlin, Gedanken an die Zeit des kalten Krieges, an die Situation der Bedrohung und des Eingeschlossenseins, an den Bau der Mauer 1961.
Das Fenster ist aber auch ein Zeichen der Hoffnung und Verbindung. Berlin steht nicht allein. Seine Sicherheit ist garantiert; ein Grund zum Neuanfang ist gelegt. Nun wird die Stadt zum Anlass, ins Gespräch zu kommen und die Entspannung zu suchen. Der Blick des „Alten Fritz“ ist offen und interessiert an dem, was da vor sich geht.
Anette Mühlmeyer
16 Jahre
„Hope“
Als ich das Bild zu dem Thema „Unter den Dächern von Berlin“ malte, kannte ich die Stadt noch nicht aus eigener Anschauung. Dagegen hatte ich viel vom Bau der Mauer und von der Teilung der Stadt gehört. Dieser tragischen Situation wollte ich in meinem Bild Ausdruck verleihen, indem ich einen Abschnitt der trostlos grauen Mauer realistisch abbildete. Ich habe auf jeglichen Hinweis auf Leben verzichtet, um die Teilung als lebensbedrohlich darzustellen.
Allein der Titel verrät meine Hoffnung, dass die Mauer irgendwann wieder verschwindet.
Kerstin Nollmann
18 Jahre
„Der zerrissene Mensch“
… Als einer der wichtigsten Aspekte, durch die diese Stadt charakterisiert wird, erschien mir die Teilung Berlins durch die Mauer in eine West- und einen Ostteil. Ich wollte jedoch auf das bloße Abbilden der Mauer verzichten, weil sie bereits zum Cliché geworden ist. Die eigentliche menschliche Problematik jedoch tiefer liegt.
Auch die auf dem Bild dargestellten Sehenswürdigkeiten sind eher in den Hintergrund gerückt. Die Kongresshalle, auf der rechten Bildhälfte, ist ein architektonisch ausgefallenes Gebäude in West-Berlin, der Fernsehturm, auf der linken Bildhälfte, das höchste Bauwerk Ost-Berlins; beide Gebäude sind sicherlich für die dort lebenden Menschen von untergeordneter Bedeutung.
So habe ich versucht, ansatzweise die Auswirkung und Bedeutung, die die Mauer als Trennungslinie für Menschen haben kann, zu verdeutlichen. „Der zerrissene Mensch“ soll als Symbol für die gestörten zwischenmenschlichen Beziehungen stehen. Er soll darauf verweisen, dass in einer Stadt die ehemals eine Einheit bildete nun zwei politisch, kulturell und gesellschaftlich verschiedene „Welten“ entstanden sind.
Norbert Fett
18 Jahre
„Ein Fenster“
Das Bild entstand im Mai 1985 und stellt Gedanken dar, die mir während eines Berlinbesuches im Januar 1985 kamen. Ich wohnte dort in einem Haus in der Wilmersdorfer Straße; durch ein Fenster beobachtete ich eine wogende Menschenmasse, Fahrzeuge, Leuchtreklamen. Die auf dem Foto abgebildete Person schaut durch einen Fensterspalt auf die Straße. Berlin – ein „Spalt im eisernen Vorhang zwischen Ost und West. Rechts unten im Bild taucht die Person als volles Spiegelbild wieder auf. Der Beobachter wird zum Beobachteten. Berlin – Stadt des Beobachtens, Barometer für die Beziehungen zwischen den Weltmächten. Die abstrakte Darstellung des Menschen beschreibt die Kälte und die Anonymität, die zwischen den beiden Systemen herrschen. Auch der Betrachter ist vom Bildgeschehen ausgeschlossen.
In Berlin wird der Konflikt zwischen den Weltmächten durch die Mauer, Sperranlagen, Grenzkontrollen unmenschlich deutlich. Aber dennoch birgt gerade diese Stadt die Chancen in sich, vom Beobachten und Misstrauen abzurücken und die Kluft zwischen den Menschen in beiden Teilen Deutschlands nicht tiefer werden zu lassen.
Guido Ahaus
17 Jahre
„Alltag“
Als ich das Bild erstellte, wollte ich nicht die Berliner Denkmäler zeigen, wie sie jeder Tourist auf einer Stadtrundfahrt zu Gesicht bekommt; viel mehr sollte das städtische Leben, wie es in jeder Stadt täglich abläuft, veranschaulicht werden.
Rechts im Vordergrund des Bildes befindet sich ein distanzierter Beobachter. Der Bildbetrachter kann sich mit ihm identifizieren und gewinnt somit Nähe zum Bildgeschehen. In der Mitte des Bildes habe ich den U-Bahn-Schacht gemalt, in und über dem sich eine große Menge nicht genau dargestellter Menschen befindet. Damit soll die Anonymität der Masse in der Großstadt gezeigt werden; der die Treppe hinaufsteigende Mann soll jedoch verdeutlichen, dass das Individuum nicht in der Anonymität der Masse untergeht, sondern dass es viel mehr die Möglichkeiten des „Aufstiegs“, das heißt, der Selbstverwirklichung, besitzt.
Die Stadt selbst zeigt keine typischen Merkmale von Berlin, wodurch die Monotonie des Großstadtlebens verdeutlicht wird. Die Großstadt ist nicht wesentlich durch gewachsene bauliche Substanzen geprägt, was im Bild durch die Reduktion auf sehr wenige architektonische Merkmale der Gebäude zum Ausdruck kommt. Viel mehr ist die Stadt vornehmlich auf Grund von abstrakten Zeichen – wie z.B dem Schild „U-Bahnhof Zoo“ – erkennbar. Die exakte zentralperspektivische Darstellung habe ich gewählt, um dem Bild eine starke Statik und Ordnung aber auch eine Geschlossenheit zu verleihen, wodurch die Situation des Menschen in der Stadt verdeutlicht wird. Farblich herrschen Blau- und Beigetöne als abgeschwächter Komplementärkontrast vor. Durch die starke Beimischung von Weiß wird er in seiner optischen Intensität gemindert; dies wirkt wie die Zentralperspektive sehr vereinheitlichend und weist damit auf allg. Tendenzen des städtischen Alltags.
Monika Strautmann
16 Jahre
„Nachtleben – Nachttod“

Bilder regen die Phantasie an, ebenso war es bei mir, als ich das Buch von Christiane F. „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ las. Obwohl ich zu dem Zeitpunkt noch nicht in Berlin gewesen war, hatte ich sehr konkrete Vorstellungen von der Stadt, die ich allein aus Beschreibungen des Buches hatte.
So war mein damaliges Berlin-Bild stark geprägt von Darstellungen der Drogenszene, des Nachtlebens und der berühmt-berüchtigten Diskothek „Sound“. Den Berliner Jugendlichen stellte ich mir meistens extrem flippig, andererseits außergewöhnlich individuell vor. Diese Vorstellungen soll auch mein Bild vermitteln, indem es durch die Darstellung eines Snops und eines Fixers im Vordergrund die starken Kontraste in der Berliner Jugendlichenszene verdeutlicht.










